Prävention und Gesundheitsförderung können durch Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter selbst geleistet werden, indem sie, ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung und dem Wissen von Arbeitskolleginnen und –kollegen mit mehr Erfahrung, Schutzstrategien und -massnahmen gegen Gesundheitsrisiken erarbeiten und umsetzen.
 
Prävention und Gesundheitsförderung können auch in gemeinsamen Aktionen geleistet werden mit Organisationen, die Sexarbeitende unterstützen und deren Interessen vertreten. Die Initiative zu solchen Aktionen stammt oft von Sexarbeitenden, meist werden sie unterstützt durch professionelle Sozialarbeitende. Die Vorgehensweise solcher Organisationen ist eine ganzheitliche und berücksichtigt soziale, ökonomische, rechtliche und medizinische Ansätze. In diesen Aktionsstrukturen sind folgende Punkte selbstverständlich:
  • Keine Wertungen und absolute Vertraulichkeit 
  • Einbezug der Sexarbeitenden in ihre Projekte
  • Förderung der Entwicklung ihrer individuellen (Empowerment, Rechtskenntnisse etc.) und zwischenmenschlichen Kompetenzen (Führung,  Anwaltschaftlichkeit, Verhandlungsfähigkeit) unter den Sexarbeitenden
  • Anpassung der Projekte an die örtlichen Gegebenheiten 
  • Sicherstellung niederschwelliger Angebote an den Orten, wo Sexarbeit stattfindet
  • Vorrang von Sexarbeitenden in der aufsuchenden Sozialarbeit
  • Proaktives Handeln in gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen (Polizei, Etablissements, Arztpraxen), damit die Verantwortung für die Gesundheitsförderung nicht ausschliesslich bei den Sexarbeitenden liegt
 
Erfolgreiche Prävention und Gesundheitsförderung können ebenfalls geleistet werden mittels niederschwelliger nächtlicher Angebote mit Rückzugsmöglichkeiten. Dort werden Informationen zu sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten und zu Missbrauch von legalen und illegalen Substanzen weitergegeben, ebenso wird Präventionsmaterial zur Verfügung gestellt. Solche Räume erlauben es, so unterschiedliche Themen wie Sexarbeit, Gewalt, Symptome der häufigsten Geschlechtskrankheiten sowie Rechte und Pflichten der Sexarbeitenenden zu lancieren.
 
Charakteristiken der Niederschwelligkeit sind:
  • Absolute Respektierung der Anonymität
  • Klar definierte sowie regelmässige Präsenzzeiten, welche an die Besonderheiten der Zielgruppe angepasst sind, damit die Sexarbeitenden auf die Anwesenheit der Sozialarbeitenden zählen können.
  • Schneller und einfacher Zugang zu weiterführenden Angeboten (keine administrative Fallführung!)
  • Aktives Zuhören sowie die Akzeptanz des Gegenübers, wie es sich im Moment darstellt und gibt
  • Geringe oder möglichst keine Kosten der Angebote (Getränke, Nahrungsmittel, Präventions- und Pflegematerial sowie STI-Tests)
  • Ausbildung und Einsatz von Sexarbeitenden in der aufsuchenden Sozialarbeit
  • Einsatz von Übersetzerinnen / kulturellen Mediatorinnen, welche die häufigsten Muttersprachen der Sexarbeitenden beherrschen
  • Kein Zutritt für lokale Behörden (Polizei etc.) innerhalb des Präventionprojekts
 
Die Sexarbeitenden in der aufsuchenden Sozialarbeit durchbrechen dank ihrer Erfahrung in der Sexarbeit Kommunikationsbarrieren, welche aufgrund von Stigmatisierungs- und Ausschlusserfahrungen bestehen können und bauen ein Vertrauensverhältnis auf.
Der Bericht von NSWP (Network of Sexwork projects) aus dem Jahr 2003 weist darauf hin, dass beim Einsatz von Sexarbeitenden in der aufsuchenden Sozialarbeit auf Folgendes zu achten ist: Erstens dürfen diese keinesfalls professionelles Gesundheitspersonal ersetzen, weil ihnen dazu die entsprechenden Qualifikationen fehlen. Zweitens sollen Sexarbeitende in der aufsuchenden Sozialarbeit dieselben Arbeitsbedingungen geniessen wie alle andern Angestellten des Projektes (angemessene Löhne, Weiterbildungsmöglichkeiten, Aufstiegsmöglichkeiten usw.).Schliesslich darf die Mitarbeit von Sexarbeitenden in der aufsuchenden Sozialarbeit keinesfalls bedeuten, dass deren Meinung für die Meinung aller Sexarbeitenden genommen wird.
 
Prävention und Gesundheitsförderung in Etablissements findet vor Ort statt: Kulturelle Mediatorinnen, Sexarbeitende in der aufsuchenden Sozialarbeit und eine Krankenschwester suchen die Sexarbeitenden an ihren Arbeitsorten auf, dies können Privatwohnungen, Massagesalons oder grossen Clubs sein. Sie informieren verteilen Präventionsmaterial, und triagieren zu weiterführenden Angeboten für Impfungen, Tests oder für psychosoziale Begleitung, falls dies notwendig ist. Die Teams versuchen auch, allfällige Gewaltprobleme zu erkennen. Das Ziel der Prävention und Gesundheitsförderung in Etablissements ist es, die Sexarbeitenden zu informieren, aber vor allem auch, sie in ihrer Autonomie zu unterstützen, damit sie stets selbstverantwortlich Entscheidungen treffen können (Empowerment).
 

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