Sexwork.ch – Infos for sexworkers in Switzerland

Fördern Prostitutionsgesetze den Erhalt der Gesundheit bei der betroffenen Bevölkerung? Diese Frage, scheinbar einfach, ist Gegenstand vieler Debatten. Für Sexarbeitende heisst es, je mehr der Staat Sondergesetze erlässt, desto mehr werden sie ausgeschlossen und stigmatisiert.
Die Perspektive eines vermittelnden, nicht moralisierenden, den Bürgern nahe stehenden Staates, welcher Reduktion der Gesundheitsrisiken anstrebt, steht einem solchen Verständnis des gesetzlichen Rahmens entgegen, welches Sexarbeit benachteiligen würde. Im Gegenteil, sie setzt voraus, dass Mittel zum Schutz der «Schwächeren» zur Verfügung gestellt werden, was insbesondere durch Entkriminalisierung und Stärkung ihrer Rechte geschieht. Also, ein pragmatischer Ansatz – Prostitution als legal verstanden – vertritt den besten Weg, Personen im Sexgewerbe zu befähigen, selbstverantwortlich zu agieren. 
Von dieser Perspektive her, schreiben wir im nachfolgenden Text über verschiedene Prostitutionsgesetze hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf diesen Prozess des Empowerments der Sexarbeiterinnen und der Sexarbeiter (SA). Kriminalisierung von Sexarbeit hindert die Umsetzung der Gesundheitspolitik bei dieser Population.
Derzeit bilden sich Positionen, vor allem im feministischen Denken, um die zwei grossen ideologischen Pole: Regulationismus gegenüber Abolitionismus. Diese teilen sich in eine radikale Strömung, die sich für die Ausrottung der Prostitution einsetzt und die andere Strömung, welche in der Prostitution eine Form der Arbeit sieht, die eine potenzielle Autonomie den Personen, die diese ausüben, bietet.
 
Die nationalen oder regionalen Gesetze zur Prostitution folge drei Richtungen:
1. Prohibitionismus
2. Abolitionismus
3. Regulationismus
 
1. Prohibitionismus kriminalisiert Prostitution und alles, was damit verbunden ist. Er sieht die Prostitution als ein Vergehen an. Dieses System bestraft alle Beteiligten in  der Prostitution: die Sexarbeitende, die Zuhälter und die Kunden. Eine prohibitionistische Gesetzgebung kann die Prostitution nicht beseitigen, sondern drängt sie in den Untergrund. Die Kriminalisierung entwürdigt die Sexarbeit, macht die Beteiligten verletzbar, setzt sie der Gewalt aus und  macht sie wehrlos gegen der polizeilichen Willkür. Prohibitionismus stärkt Stigmatisierung und schiebt die Anliegen der Sexarbeitenden von der Tagesordnung der Politik, der Prävention und Versorgung ab.
Solche Gesetzgebung war in Frankreich im Mittelalter in Kraft getreten. Auch heute noch gilt sie für die Vereinigten Staaten von Amerika, China, Saudi-Arabien und ein Dutzend anderer Länder, darunter auch Schweden.
 
2. Abolitionismus hatte ursprünglich zum Ziel nicht die Prostitution, sondern den regulationistischen Regime abzuschaffen. Der Abolitionismus, im späten neunzehnten Jahrhundert entstanden, wurde von Feminismus und humanistischen Prinzipien inspiriert. Die  Gründerin dieser Bewegung, Josephine Butler, kämpfte gegen die Misshandlung von Frauen und gegen die Stigmatisierung von Strassenmädchen, sowie gegen die Unmoral des Staates, der regelt, also die Prostitution akzeptiert und von ihr profitiert.
Seitdem sieht die abolitionistische (oder neo-abolitionistische) Bewegung Prostitution als der Sklaverei ähnliche Verletzung der Menschenrechte an, was die Verwendung des Namens Abolitionismus erklärt. Wie im Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 2. Dezember 1949 erwähnt, ist die Prostitution «unvereinbar mit der Würde und dem Wert der menschlichen Person».
Die grundlegenden Prinzipien des Abolitionismus sind:
- die Abschaffung aller Vorschriften und der Registrierung der Prostituierten;
- die Verfolgung all jener, die die Prostitution anderer nutzen;
- Prävention der Prostitution;
- Rehabilitation von Personen, welche sich prostituieren, als Opfer.
Abolitionismus stellt alle Sexarbeitende den Sklaven gleich, da sich ja laut ihrer Ansicht keine Person freiwillig prostituieren kann. Folglich, kann man sie nicht bestrafen, weil sie Opfer der Vorgänge sind, welche sie nicht kontrollieren können. Gegenwärtig gilt es für die Abolitionisten immer noch, für die Abschaffung der Prostitution zu kämpfen, da sie den Unterschied zwischen der freiwillig ausgeübten Sexarbeit und der Zwangsprostitution nicht anerkennen. Viele Länder haben dieses System übernommen; vor allem ist es in Frankreich, wo Kriminalisierung von Sexarbeit stark durch die LSI vorangetrieben wurde, tief verankert.
 
3. Regulationismus beruht auf administrativen Regelungen, um die Praxis der Prostitution zu regeln. Entstanden in Frankreich während der napoleonischen Zeit, wurde dann durch den Code Napoléon in den meisten europäischen Ländern eingeführt. Die grundlegende Prämisse des Regulationismus ist, dass Prostitution ein notwendiges Übel ist, das toleriert und kontrolliert werden muss, um eine unversehrte Gesellschaft zu schützen.
Laut französischen Historiker Alain Corbin (*1936), war eine Studie über die Prostitution in Paris von A.-J.-B. Parent-Duchatelet (1790-1836) für die Reglementierung von Prostitution im 19. Jahrhundert in Bezug auf öffentliche Gesundheit, Moral und Verwaltung wegweisend. Der berühmte Hygienemediziner, der eine grosse Expertise über damalige Pariser Kanalisationen schrieb, setzte Prostitution in seiner Studie darüber in den gleichen Kontext. Die ganze Logik der damaligen Gesellschaft, die es erlaubt, die Gattung "Prostitution" zu konstruieren, ist in den Worten dieses vom Himmel gesandten Mannes, über drei Säulen, verkörpert:
I. Die Notwendigkeit: Prostituierte sind in einer Agglomeration von Männern unvermeidbar wie auch Kanalisation, Straßen und Müllhalden [...] Sie helfen dabei, Ordnung und Frieden der Gesellschaft aufrecht zu erhalten.
II. Risiko: sie sind eine Bedrohung für moralische, soziale und Gesundheitspolitik.
III. Massnahmen: Es muss ein separates Volk sein, man muss sie ausgrenzen, so dass sie ihre Laster nicht auf ehrbare Frauen übertragen. Dies wird die Basis für das System der Reglementierung dieser geschlossenen und überwachten Kreise sein.
Der Sinn des Regulationismus hat sich radikal verändert. Denn, so wie die damalige Grundlage der Reglementierung war, über Hygiene und Moral zu wachen, geht es heutzutage eher um die Organisation der Tätigkeit als Sexarbeitende und ihre rechtliche Anerkennung. Sarah-Marie Maffesoli schlägt vor, über neo-Regulationismus zu sprechen, mit dem Ziel, durch diesen Begriff eine gleichbehandelnde Bedeutung zu signalisieren.
 
Heute dreht sich die Debatte um die folgenden Fragen: Ist es notwendig, Gesetze und Verordnungen, welche nur für Prostitution bestimmt werden, zu etablieren? Wenn ja, welche und warum? Auf Bundes- oder auf kantonaler Ebene? Oder sollten sie nicht sicherstellen, dass durch Gesetz Sexarbeitende, ohne Sonderbehandlung, die gleichen Rechte und Pflichten wie alle Profis und Bürger haben?