Sexwork.ch – Infos for sexworkers in Switzerland

Prostitution ist in der Schweiz ein legales Gewerbe. Handelsware ist nicht die Frau, sondern die sexuelle Dienstleistung. Menschen- und Frauenhandel hingegen sind Menschenrechtsverletzungen und schwere Verbrechen, welche in der Schweiz geahndet werden (StGB Art. 182). Die überwiegende Mehrheit der Sexarbeiter_innen in der Schweiz ist nicht von Menschenhandel betroffen, sondern arbeitet freiwillig und selbstbestimmt. Sexarbeit nur als Menschenhandel anzusehen, stigmatisiert Sexarbeiter_innen als Opfer und unselbständige Objekte. Genauso wie in anderen Branchen, können Zwang und Ausbeutung aber auch im Sexgewerbe vorkommen.
 
Sexarbeiter_innen sind also längst nicht alle von Frauenhandel betroffen. (Zur Veranschaulichung: In der Schweiz sind zwischen 13‘000-20‘000 Personen in der Sexarbeit tätig, während sich die Anzahl identifizierter Opfer von Menschenhandel gemäss Bundesamt für Statistik in den letzten Jahren zwischen 40-100 bewegt.1) Unter den Sexarbeiterinnen gibt es aber solche, die unter falschen Versprechungen hierher gelockt werden. In diesen Fällen kann es sich um Opfer von Menschenhandel handeln. Diese werden mit Gewalt und anderen Druckmitteln wie fiktive Schulden oder Drohungen gegen die Familie zur Sexarbeit gezwungen.
 
Wie wird ein solches Verbrechen aufgeklärt und die Opfer geschützt? In der Schweiz wenden sich Betroffene von Frauenhandel in einigen Fällen selbst an Opferschutzorganisationen oder die Polizei. Meistens sind es jedoch Drittpersonen, die Betroffene von Menschenhandel erkennen und sie an spezialisierte Stellen verweisen. Z.B. Sozialarbeiterinnen, die für aufsuchende, niederschwellige Beratungsstellen auf der Gasse arbeiten oder geschulte Polizeibeamte, die Opfer bei einer Kontrolle im Milieu identifizieren. Opfer von Menschenhandel oder ihre Familien werden oft bedroht und sie können sich deshalb nicht als Opfer zu erkennen geben. Aus diesem Grund sind speziell geschulte staatliche und nicht-staatliche Stellen zentral für die Erkennung von Opfern. Des Weiteren ist eine gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen involvierten Behörden (Polizei, Migrationsämter u.a.) sowie Opferschutzorganisationen und anderen Beratungsstellen unabdingbar, damit Opfer von Menschenhandel erkannt werden und Unterstützung erhalten.
 
Opfern von Menschenhandel steht in der Schweiz eine Erholungs- und Bedenkzeit von 30 Tagen zu. Der Zweck ist, dass sich Opfer von Menschenhandel aus den Fängen der Täterschaft lösen, sich so gut als möglich erholen und eine Entscheidung treffen können, ob sie mit den Behörden zusammenarbeiten und gegen die Täterschaft aussagen wollen. Sie erhalten medizinische und psychologische Unterstützung und werden in einer sicheren Unterkunft untergebracht. Entscheiden diese sich, gegen die Täterschaft auszusagen, können sie für die Dauer des Strafverfahrens eine Aufenthaltsbewilligung erhalten, danach müssen sie in ihr Herkunftsland zurückkehren.
 
Das Erkennen von Opfern von Menschenhandel und deren Schutz und Unterstützung laufen nicht in jedem Fall optimal und sind in der Schweiz sehr von der kantonalen Praxis abhängig. Oft werden Opfer von Menschenhandel nicht erkannt und ausgeschafft, weil sie keine legale Aufenthaltsbewilligung haben. Dann kann das Opfer nicht geschützt und die Verbrecher nicht verfolgt werden. Nur in Ausnahmefällen ist es möglich für Opfer von Menschenhandel eine über das Strafverfahren hinausreichende Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. In diesen Fällen muss eine Härtefallbewilligung beantragt werden, wenn beispielsweise das Sicherheitsrisiko für eine Rückkehr zu hoch ist. Bei der Rückkehr in ihr Herkunftsland ist der Schutz der Opfer ebenfalls nicht immer gewährleistet, da sie nicht selten durch die Familie ausgestossen werden oder gesellschaftlicher Ächtung, Rache der Täterschaft, Schikanen durch die Behörden ausgesetzt sind. Für einen wirksamen Schutz von Opfer von Menschenhandel in der Schweiz sind Verbesserungen in der Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Stellen, der Sensibilisierung und Spezialisierung von Polizei und anderen Akteuren wie auch rechtliche Besserstellungen nötig. Der spezialisierte Opferschutz und Präventionsarbeit liegt in der Verantwortung des Staates, wird heute aber überwiegend durch nicht-staatliche Stellen geleistet, diese müssen künftig ausreichend durch Bund und Kanton finanziert werden.
 
 
1 Géraldine Bugnon, Milena Chimienti, Laura Chiquet: Sexmarkt in der Schweiz. Teil 3: Mapping, contrôle et promotion de la santé dans le marché du sexe en Suisse. Université de Genève 2009. Und Bundesamt für Statistik: http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/19/03/02/key/02/straftaten_im_einzelnen.html